Der tägliche Wahnsinn mit der BiPo

Damals, als mein bester Freund mit der Diagnose der bipolaren Störung um die Ecke kam, konnte ich mir nichts weiter darunter vorstellen, außer dass er extreme Stimmungsschwankungen hatte. Bei ihm trat die Störung in der Manie sehr extrem auf, denn er verschuldete sich und war in der Manie nur geprägt von Ausflügen. Diese Ambitionen kann ich Gott sei Dank an mir noch nicht feststellen. Bei mir drückt es sich eher durch extremen Schlafmangel, Sport und auch Hausarbeiten aus. Normalerweise bin ich im Haushalt ein extremer Muffel, aber am richtigen Tag, kann ich das gesamte Haus allein säubern und Aufräumen. Oder ich stelle mich drei Stunden in die Sonne und kratzte das Unkraut aus unserer Einfahrt, welche mit 50 Quadratmetern nicht gerade klein ist. Bisher kann ich nichts Negatives über die Manie sagen, denn sie halten wirklich nur ein oder vielleicht mal zwei Tage. Die Depression ist für mich da schon weitaus schlimmer. In dieser Phase fällt der Alltag mir unheimlich schwer. Leider bin ich dann auch ein Mensch, der nicht jammert und mit anderen das Gespräch sucht, sondern ich fechte das mit mir selber aus. Ist nicht die beste Lösung, aber ich denke einfach, dass mein Umfeld, einfach nicht in der Lage ist das alles zu kompensieren. Ich habe ganz liebe Freunde und auch den besten Ehemann, so dass es mir umso schwerer fällt dort meine negative Phase auf den Tisch zu bringen. Auf der Arbeit fällt es dann besonders ins Gewicht. Nur wenige Ausnahmen wissen von der vorhandenen Störung und gehen damit sehr gelassen um und versuchen mich dann an dem Tag nicht ganz so zu fordern. Leider gibt es aber auch Menschen, die mit Ihrer Dummheit und ihrer Inkompetenz mein dickes Fell stark reizen und sich dann wundern, wenn sie von mir nur noch sarkastische Antworten bekommen. Der extreme Schlafmangel trägt dazu bei, dass ich zwar meine Arbeit, da es viel Routine ist, meistern kann, aber es sorgt auch dafür, dass ich ab und an sehr pampig und gereizt reagiere. Ich kann das aber nicht abstellen oder ändern. Das einzige, was ich dann machen könnte, wäre zum Arzt zu gehen und mir eine kleine Auszeit zu gönnen. Leider wiederstrebt das aber meinem Charakter so dermaßen, dass ich mich also tagtäglich zur Arbeit quäle. Von Montag an, werden dann die Tage bis zum Wochenende gezählt. Wenn wir mal auf Partys eingeladen sind, dann vermeide ich absoluten Alkoholkonsum, da ich einfach Angst habe, die Kontrolle zu verlieren. Die einzige Wohlfühlzone ist für mich das Fahrrad. Dort kann ich endlos entspannen, sogar in einer depressiven Phase. Die Musik in den Ohren, die endlos schöne Landschaft und einfach das Gefühl, den Körper in bis ans Limit zu treiben, spornen mich an und die Stecken werden dadurch mittlerweile immer weiter. Jenseits der 50 km Marke kommt dann erst der Punkt, wo ich nach Hause, duschen und mich dann entspannt auf die Sonnenliege legen möchte. Natürlich ernte ich dafür nicht nur positives Feedback, aber die Leute, die mich für verrückt erklären, wissen einfach nicht, wie es ist in diesem Kreislauf der Extreme gefangen zu sein. Ich kompensiere bisher noch alles ohne Medikamente, weil ich ein Gegner der medikamentösen Therapie bin. Das war ich im Studium schon und werde ich auch weiterhin sein. Natürlich weiß ich, dass irgendwann der Punkt kommt, wo es ohne nicht mehr geht. Aber solange ich es kann, wird es hinausgezögert. Auch der Gedanke der Frührente, zerbricht jegliche Vorstellung eines harmonischen Lebens, denn der finanzielle Aspekt verbreitet enorme Bauchschmerzen in mir. Klar sagt es sich leicht, dass man doch jetzt lebe und doch alles genießen sollte, aber das ist immer leichter gesagt, wie getan. Über Harmonie zu Hause kann ich mich nicht beklagen, bis auf ein paar kleine verbale Auseinandersetzungen, die aber im Keim erstickt und gelöst werden, läuft es besser denn je. Ich glaube das liegt auch daran, dass ich mich mittlerweile selbst gut im Griff habe und Konfrontationen scheue, aus Angst, dass es so enden könnte, wie in meiner langjährigen ersten Beziehung. Alles in allem lässt es sich mit einer bipolaren Störung noch ganz gut aushalten. Die Gewissheit, dass meine Schwankungen endlich einen Namen haben, lassen es ein wenig positiv wirken. Die Tatsache, dass sich aber mein bester Freund mit dieser Diagnose, gegen das Leben entschieden hat, trübt das ganze ungemein. Wie sieht es in ein paar Jahren aus? Hält das eine Ehe aus? Hält das der Job aus? Das sind Fragen, die einen nicht wirklich zur Ruhe kommen lassen. Leider kann man aber nicht Hellsehen, sondern man kann nur versuchen, es auszuprobieren. Scheitert es, tja was dann. Das sind aber Dinge, mit denen man sich nicht allzu viel beschäftigen sollte, denn sonst kommt man aus der depressiven Phase nicht so schnell heraus.

11.6.18 14:15, kommentieren

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Zurück am Hindukusch

Ohrenbetäubender Lärm, ein Knall der das ganze Haus erschüttert. Aus Reflex drehst du dich auf den Bauch und hältst dir die Hände über den Kopf. Eine kurze Pause und du hebst den Kopf, um dich zu orientieren. Dann der nächste Knall, als ob jemand ein Rohr sprengt. Dein Herz rast und du versuchst die Quellen ausfindig zu machen. Du versuchst einen Blick auf die Uhr zu erhaschen, die du am Handgelenk trägst. Es ist 23 Uhr am 31.12.2017. Aufgrund der Tatsache, dass du morgens um halb fünf raus musst, hast du dich einfach hingelegt und versuchst, den Jahreswechsel zu verschlafen. In meiner Jugend war das überhaupt kein Problem, aber heute bin ich beim kleinsten Geräusch wach. Es ist legitim, dass andere den Jahreswechsel feiern, aber ich kann mich nur schwer damit abfinden, dass dies den ganzen Tag getan wird. Du versuchst erneut einzuschlafen, während draußen eine Feuerpause herrscht. Dein Herz rast immer noch, aber du konntest es schnell lokalisieren und sprichst mit dir selbst, dass du zu Hause in deinem Bett liegst. Plötzlich wird alles dunkel, es ist unerträgliche Hitze und du hast Sand in den Augen. Um dich herum ist ein ständiges grollen zu hören. Du liegst im Gebirge in einer Stellung und schaust auf die Verbindungstrasse, zwischen zwei Orten. Ein Beobachtungsauftrag, über drei Tage, egal bei welchem Wetter. Du lachst und flachst mit deinem Beobachter herum. Es ist einer der Aufträge, welche wirklich einfach nur mal Spaß machen und du nicht um dein Leben fürchten musst. In den Nächten ist es ruhiger und man kann sich wirklich mal ein paar Stunden hinlegen um sich auszuruhen. Eine riesige Detonation reißt dich aus deinen Träumen, du drehst dich um und schaust runter auf die Straße, ein riesiger Krater ist zu sehen und ein Auto, welches auf dem Dach liegt und brennt. Die nächste Detonation holt dich in die Realität zurück. Du fällst aus dem Bett, liegst auf dem Teppich und versuchst einen Bodycheck durchzuführen. Ununterbrochen wird gefeuert und du hörst Handgranaten unmittelbar in deiner Nähe einschlagen. *Komm schon orientier dich, wo bist du?* Deine Augen versuchen in der Dunkelheit zu erkennen, wo du gerade bist. Mein Zimmer, mein Boden, mein zu Hause. Deine Knie sind wie weiche Butter und du gehst gebückt zum Fenster. Silvester. Jahreswechsel. Es ist kurz nach null Uhr und die Leute feiern dies ausgiebig. Ich bin klatschnass, schweißgebadet und gehe im Dunkeln die Treppe hinunter. Bloß kein Licht für den Feind machen, damit er dich erkennt. Es klingelt in den Ohren, es dreht sich alles. Du gehst zu deinem Mann ins Schlafzimmer, er steht am offenen Balkonfenster und schaut sich das Feuerwerk an. Du gehst kurz zu ihm, aber du kannst den Lärm nicht ertragen. Die Angst hat deine Blase fast zum Explodieren gebracht und du gehst dich erleichtern. Ganz leise gehst du wieder nach oben und hältst dir einfach nur die Ohren zu. Einer der Nachbarn hat eine Schreckschusswaffe verwendet um das neue Jahr zu begrüßen, diese hört sich an, wie eine Signalpistole. Ohrenbetäubend und einfach nur grausam für mich. Das Getöse geht über eine Stunde, du weinst, weil du nicht weiß in welcher Realität du jetzt festhängst. Plötzlich ist es still. Du lauschst nach deinen Feinden, du hörst keinen. Das weiche und warme Bett entspannen deinen Körper und du versuchst die restlichen Stunden, bis zur Arbeit, noch ein wenig Schlaf abzugreifen. Ich hasse Silvester. Mit einem beherzten Sprung kommt Ziva ins Bett und ich erschrecke erneut, denn es könnte ein Feind in meine Stellung gesprungen sein. Sie stößt mich mit dem Kopf, um mir zu sagen, dass alles ok ist. Sie rollt sich an meinem Bauch zusammen und schnurrt. Ich kraule sie und döse ein. Mein Herz tut weh, es musste in der Nacht einiges aushalten. Du fragst dich, warum du so bestraft wirst, warum es niemals aufhört, warum es kaum einer versteht. Du musst damit leben und das in jedem verdammten Jahr, jeden Monat und an jedem verdammten Tag.

2.1.18 07:04, kommentieren