Für immer Freunde

Im Jahre 2018 gab es 7,6 Milliarden Menschen auf der Erde. 2019, ist die Zahl sicher noch etwas höher, deshalb ist es umso erstaunlicher, jemanden wieder zu treffen, den man vor elf Jahren aus den Augen verloren hat. Es war ein normaler Arbeitstag, ich war eingeteilt, um eine Firma zu bewachen, welche in bestimmten Bereichen nicht ohne Aufsicht arbeiten durfte. Nachteil daran, es war sehr kalt in der Halle, so dass ich ab und an ausgetauscht wurde, um mich aufzuwärmen. Es war Mittag und mein Azubi löste mich ab. Ich setzte mich in den warmen Pausenraum und taute auf. Es sollte dann eine Firma von dem Azubi begleitet werden, also beeilte ich mich mit Essen und auftauen. Meine Vorgesetzte sagte aber dann, dass ich bleiben soll und ich stattdessen mit den beiden Wartungsmitarbeitern, durch die Halle gehen soll. Ich hörte Männerstimmen und wurde gerufen. Da stand er!!! Groß, ergraute Haare, schwarze Hautfarbe und englischer/amerikanischer Akzent. Ich kannte das Gesicht, aber in dem Augenblick, wusste ich nicht, wo ich es hinstecken sollte. Er und sein Kollege waren recht locker. Sie sollten die Trinkwasserspender kontrollieren, die in fast jeder Halle standen. Wir gingen los und plauderten. Wir kamen schnell dazu, dass wir beide Soldaten waren und nun den Sinn des Lebens suchten. Auch er schaute mich mit einem Blick an, der mir signalisierte: Ich kenn dich, aber woher nur??? In einer Halle standen wir jetzt und die beiden fanden den Trinkwasserspender nicht. Auf Entfernung erspähte ich das Objekt und zeigte es ihnen und dann machte es Klick, bei beiden. Der Schwarze Monteur sagte „Little Miss Sniper“ und ich drehte mich um und sagte „Hawk Eye Leo“. Wir grinsten und fielen uns in die Arme. Er war da, ein alter Kamerad aus Afghanistan hat den Weg aus Amerika, nach Deutschland gefunden und lebte hier. Ich war noch nie so überwältigt, einen ehemaligen Veteranen, Kameraden und Freund wieder zu sehen. Ungläubig schaute er und sagte: „Du hast dich ja überhaupt nicht verändert.“ Ich entgegnete Ihm: „Naja du bist nur etwas älter geworden.“ Natürlich wollte ich wissen, wie er es nach Deutschland geschafft hat und er berichtete mir die Kurzfassung. Umschulung, Umstationierung und Beruflicher Neuanfang in Hamburg. Wir konnten es beide nicht glauben. Auch ich erzählte Ihm meine Kurzversion der Ereignisse. Es tat so gut ihn wieder zu sehen. Mein Herz hüpfte, mein Tag war grandios. Ich bat sofort um seine Telefonnummer, denn Hamburg war ja gar nicht so weit weg. Die Zeit verging wie im Flug, wir plauderten, wir lachten und wir mussten uns wieder verabschieden. Ich drückte Ihn, es gab eine GhettoFaust und er war wieder fort. Meine Vorgesetzte schaute ungläubig und ich erzählte ihr, dass ich ihn kannte. Die Welt ist so klein ab und an, dass ich mich jederzeit wieder auf so eine Begegnung freuen würde. Wir spielen seit Jahren Lotto, nie haben wir was gewonnen. DASS war mein Gewinn. Heute Abend werde ich mit einem Lächeln einschlafen und daran denken, dass einer meiner Kameraden in Hamburg ist, mit seiner Frau, seinen drei Kindern und sich bester Gesundheit erfreut. Semper Fi Leo.

Von Kabul nach Kandahar

Hochsommer in Afghanistan. Tagsüber immer annähernd an die 55 Grad und nachts einfach ausgedrückt Arschkalt. Wir bekamen einen Auftrag, einen Zug mit geheimen Gütern zu bewachen und sicher von Kabul nach Kandahar zu begleiten. Mit mir waren sechs Marines und ich gemeint. Wir bekamen ein Abteil im Zug, welches von den Zivilisten weit entfernt war, damit diese nicht gestört oder verunsichert wurden. Mit uns waren also noch rund 16 Zivilisten im Zug und wir sollten uns von Ihnen fern halten. Als wir unser Abteil betraten, schauten wir uns alle fragend an. Sieben Leute und Platz für sechs. Wir schauten uns um und entdeckten über der Tür ein geräumiges Gepäckfach. Die Marines grinsten und ich wusste, was das bedeutete. Ich war die kleinste und passte perfekt in das Fach. Da die Fahrt über 10 Stunden dauern würde, war ich froh, dass ich mich dort oben schlafen legen konnte. Wir sind in der Nacht gefahren, so dass das Klima im Abteil angenehm war. Die Jungs halfen mir hoch, gaben mir noch ein paar Rucksäcke und meine Waffe nach oben und wünschten mir eine angenehme Nacht. Es dauerte auch gar nicht lange und ich schlief ein. Die Jungs unten, wechselten sich ab und schauten aus dem Fenster, um die Lage zu überblicken. Plötzlich in der Nacht, eine Vollbremsung. Ich knallte mit dem Kopf gegen die Wand und war hellwach. Ich blickte nach unten und einer der Jungs signalisierte mir mit Handzeichen, mich zu verstecken und ruhig zu bleiben. Tumult im Zug, Schritte, Schreie und unser Abteil wurde aufgerissen. Unser Dolmetscher versuchte zu vermitteln, aber ich hörte, wie er niedergeschlagen wurde. Meine Kameraden wurden aus dem Zug geführt. Die Zeit verging langsam und man konnte meinen, dass alles in Zeitlupe geschah. Ich hörte Stimmen außerhalb des Zuges. Langsam und leise kletterte ich mit meiner Waffe auf dem Rücken aus meinem Versteck und schlich durch den Zug. Die Nacht, war jetzt mein bester Freund, obwohl langsam die Sonne aufging. Immer in geduckter Haltung und in Blickrichtung nach draußen. Die Angreifer hatten alle aus dem Zug geholt und in einer Reihe aufgestellt. Was soll ich tun? Ich kniete mich hin und packte meine Waffe aus. Ich brauchte eine Position, welche für uns alle von Vorteil waren. Ich stellte mich zwischen zwei Wagons und schielte um die Ecke. Ich legte meine Waffe auf den Waffenrucksack ab und stellte die Optik ein. Schaute durch die Optik und ermittelte schnell den Anführer dieser Aufständischen fest. Meine Jungs knieten vor ihm und hatten die Hände hinter dem Kopf, der Dolmetscher blutete am Kopf. Ihre Waffen lagen weit hinter Ihnen. Die Zivilisten waren getrennt worden. Die Frauen und Kinder waren zusammen und die Männer knieten neben meinen Kameraden. Es musste eine Entscheidung her. Ich entschied mich erstmal für die unblutige Variante und schaltete meinen Zielpunkt an der Optik ein. Ich zielte auf den Anführer. Er blieb abrupt stehen und einer seiner Helfer drehte sich dann zu mir um. „Hände hoch, Waffen runter, drei Schritte zurück, oder ich schieße.“ Die Blicke und Körperhaltung der Angreifer sprach Bände. Ich hatte den Überraschungseffekt auf meiner Seite und grinste in mich hinein. Alle drehten sich zu mir um, egal ob Zivilist oder Marine, sie waren wohl froh, mich zu sehen. Einer der Angreifer sprach und der Dolmetscher übersetzte. „Wo kommt dieser scheiß Soldat jetzt her?“ Ratlosigkeit. Aus Angst vor meiner Waffe, ließen sie Ihre sinken und traten von den Geiseln weg. Ich behielt meine Position, bis sich meine Kameraden sortiert und aufgerüstet hatten. Erst als die Geiselnehmer in Gewahrsam waren, kam ich von meiner Position hervor und schickte viele Gebete in den Himmel, dass niemand verletzt oder gar getötet wurde. Die Zivilisten herzten sich und die Frauen und Kinder umringten mich. Die Männer hielten Abstand, denn es war ihnen verboten mir zu nahe zu kommen. Aber sie reichten mir respektvoll die Hand. Über Funk forderten wir Instruktionen an, wie wir weiter verfahren sollen. Die Geiselnehmer waren richtig angepisst und wurden in unser Quartier eingesperrt. Wir mischten uns unter die Zivilisten, da es einfach zu gefährlich war, wieder in einem Rudel, auf einem Fleck auszuharren. Der Zug setzte sich in Bewegung, als der Dolmetscher mit dem Zugführer die Details besprochen hatte. Mein Adrenalin senkte sich nach ein paar Stunden wieder und ich wurde echt müde. Die Frauen und Kinder boten mir Essen an, welches ich annahm und ich legte mich danach in ein Abteil, um mich auszuruhen. Als wir dann in Kandahar eintrafen, warteten dort einige Soldaten auf uns. Wir instruierten die Zivilisten, bitte zuerst den Zug zu verlassen. Als alle in Sicherheit waren, stürmten die Seals das Abteil mit den Geiseln und holten sie unsanft aus dem Zug. Als wir Tage später wieder in Kabul waren, haben wir erfahren, dass unser Angreifer ein Abklatsch und Verwandter von Abu Anas asch-Schami war und dass es ein geplanter Hinterhalt unsererseits war. Ich war schockiert und habe meine Kameraden gefragt, warum mir das niemand gesagt hatte. Meine Kameraden wussten wohl auch nichts davon, außer dem Dolmetscher. Es ging darum, einen Maulwurf in den eigenen Reihen ausfindig zu machen und es hat funktioniert. Es war mein dritter Monat in Afghanistan und ich merkte erneut, dass hier mit Leben der Soldaten gespielt wird. Es schockierte mich und ich teilte dies auch meinem Kommandeur mit. Es ist ein schmaler Grat zwischen Leben und Tod und die eigenen Leute werden hier an die Löwen verfüttert. Es sollte mein einziger Hinterhalt bleiben und ich konzentrierte mich dann auf die Folgeaufträge. Warum ich dies heute erst schreibe, weil mir das die letzten Tage aufs Bett gekommen ist. Ich muss dies so extrem verdrängt haben, dass es ganz weit im Unterbewusstsein abgespeichert wurde. Es hat ja alles Sinn, wenn wir uns irgendwo dran erinnern.