Erholung Fehlanzeige

Sieben Monate und vier Tage im Staub, Dreck und unsäglicher Hitze, sollte der Ihr Einsatz in Afghanistan enden. War das ein Traum? Sollte sie wirklich heil und nicht in einer Holzkiste nach Hause fliegen? Nach dem Erhalt dieser Neuigkeit hat sie zu Hause angerufen und es schien, als dass sich alle freuten. Die nächsten Tage erfolgte die Übergabe, an den nachfolgenden Scharfschützentrupp. Die persönlichen Sachen, waren innerhalb von wenigen Stunden gepackt und auch verstaut. Ihr Herz versuchte die steinerne Hülle wieder abzulegen. Ihr Körper war merklich abgemagert und die Haut trotz der Sonne irgendwie blass. Die dunklen Augenränder lassen nur erahnen, dass sie ein riesiges Schlafdefizit hatte. Ihre Kameraden haben sich mit unerlaubten Mitteln aufgeputscht, was auch nicht an Ihr vorbeiging, denn anders hat man die Tagesabläufe nicht überstehen können. Der kleine Vorrat an den aufputschenden Pillen, verschwand in Ihrem Kulturbeutel. Bei Einbruch der Dämmerung, verlegten ca. 50 Soldaten Richtung Flughafen. Ihr waren fast alle Gesichter fremd, denn nur eine Handvoll der Soldaten war mit Ihr bei den Amerikanern stationiert. Während des Fluges in Richtung Heimat, hat Sie die Augen geschlossen, aber an Schlaf war nicht zu denken, denn viel zu aufgeregt war sie, all Ihre Lieben wieder zu sehen. Das Flugzeug landet in Köln/Bonn und der dröhnende Lärm der der Transall wurde leiser, als die Motoren abgestellt wurden. Durch die Zeitverschiebung und dem sieben Stunden Flug war es in Deutschland sehr früh am Morgen und somit noch dunkel draußen. Es warteten dennoch sehr viele Angehörige auf Ihre Heimkehrer. Es war extra ein Bereich für die Angehörigen abgesperrt, damit die große Anzahl nicht in der Halle warten musste. Und einer stach heraus, der große weiße Wolfsspitz in der ersten Reihe. Ihr Hund, und am anderen Ende der Leine Ihr Freund, welcher sich extra in den schicken Ausgehanzug der Bundeswehr geschält hat. Ein Lächeln war zu sehen. Den Rucksack auf dem Rücken gingen die Ankömmlinge in Richtung ihrer Lieben. Jeder fiel sich in die Arme. Sie war anders, sie nahm zuerst Ihren Hund in den Arm und herzte Ihn. Als sie aus der Hocke hochkam schaute sie Ihrem Freund in die Augen. Er hatte Tränen in den Augen und nahm sie in den Arm. Emotionen mit denen sie erst einmal nichts anfangen konnte. Nachdem auch Ihr Gepäck im Auto verstaut war, musste Sie noch Ihre Waffe übergeben, damit Sie im Depot eingelagert werden konnte. Die Heimfahrt war sehr angenehm, denn der Hund lag mit Ihr auf der Rückbank und sie kuschelten einfach nur. Es wurden nicht viele Worte gewechselt, denn Sie war nur körperlich in Deutschland angekommen. Dass sie an Gewicht verloren hatte und einfach nur schlecht aussah, entging Ihrem Freund aber nicht. Als sie in Ihrer Einfahrt standen zierte ein Banner den Hauseingang „Welcome Home“, und einige der Nachbarn standen davor um Sie zu begrüßen. Ein Lächeln zierte Ihr Gesicht. Eigentlich war Ihr nicht nach Feiern, aber die Nachbarn hatten ein schönes Frühstücksbuffet aufgebaut. Es wurden viele Fragen gestellt, die Sie mühevoll beantwortete. Es war so schwer. Gegen Mittag konnte Sie sich erstmals zurückziehen, sie nahm Ihren Hund und ging eine große Runde mit Ihm spazieren. Lisa war die einzige, die keine Fragen stellte und freute sich einfach nur Schwanzwedelnd und stumm darüber, dass Ihr Frauchen wieder da war. Geplant sind erst einmal drei Wochen Urlaub und eine Wiedereingliederung in Ihre Einheit. Urlaub, Ruhe und einfach mal die Seele baumeln lassen. Nach dem langen Spaziergang hatte Ihr Freund schon das Mittagessen vorbereitet. Es gab Hühnchen mit Reis. Der Geruch des Hühnchens roch wie verbranntes Menschenfleisch. Sofort schossen Ihr die Bilder in Kopf, verbrannte Körper, rauchende Fahrzeuge und unendliches Leid. Ganz blass schob sie den Teller weg. Der Freund wurde sauer, weil er sich so viel Mühe gegeben hatte und wollte eine Erklärung. Die gab sie ihm, aber dennoch war er sauer. Sie entschuldigte sich und legte sich im Obergeschoss ins Schlafzimmer, um einfach zu Ruhen und vielleicht ein wenig zu schlafen. Ein wenig war gut, sie schlief durch bis zum nächsten Tag. Sie fühlte sich gut, ausgeruht und war nicht mehr ganz so neben sich. Ihr Freund war längst in der Kaserne und sie hatte das Haus für sich. Sie ging nicht raus, sondern machte es sich gemütlich. Sie telefonierte mit Ihrem Vorgesetzten, dass sie gut zu Hause angekommen ist und meldete sich in den Urlaub ab. Er wünschte Ihr einen schönen Urlaub und gab Ihr die Daten, wann sie sich wo zu melden hatte. Drei Wochen Pause, kein grün, kein Wüstentarnanzug, kein Lärm und kein Geschrei. Sie wollte Ihrem Freund nach dem gestrigen Tag etwas Gutes tun und hatte beschlossen, einkaufen zu fahren und diesmal selbst zu kochen. Als sie vor die Tür trat sah sie Ihr Auto, ein Sportwagen, knapp 180 PS, orange, einfach ein geiles Auto. Sie stieg ein und startete den Motor, Gänsehaut. Langsam lenkte Sie ihn aus der Ausfahrt, lange war sie kein Auto mehr gefahren, aber man verlernt das ja nicht, ist wie Fahrrad fahren. Der Weg zum Supermarkt war nicht ganz so weit, aber anstrengender als gedacht. Immer wenn Ihr ein Fahrzeug entgegen kam, wurde sie langsamer, misstrauischer und schaute genau, wer hinter dem Steuer saß. „Reiß dich zusammen, du bist zu Hause“, sagte sie zu sich selbst. Der Supermarkt war sehr voll und auch extrem laut. Alles drehte sich in Ihrem Kopf. Schnell arbeitete sie Ihren Zettel ab, stellte sich an die Kasse und da kam Sie, die Panik. Ein jüngerer Herr stand hinter Ihr, und zwar so nah, dass sein Arm, Ihren Rücken berührte. Sie fuhr herum und schubste Ihn von sich weg. Entsetzt von Ihrer Reaktion und den weit aufgerissenen Augen, wurde sie knallrot und entschuldigte sich. Der Mann war außer sich und brüllte auf sie ein. Die Panik wurde mehr und ein Sicherheitsbeamter des Centers, wo der Supermarkt drin war, musste schlichten kommen. Sie versuchte die Situation zu erklären, aber keiner verstand sie. Sie entschuldigte sich tausend Mal und wollte einfach nur raus. Mit ihrem Einkauf unter dem Arm ging Sie zum Auto, setzte sich hinein und musste erst einmal durchatmen. „Was ist denn mit dir los?“. Zu Hause angekommen bereitete Sie das Essen vor und Ihr Freund freute sich wirklich darüber. Er wollte jetzt aber wissen, was los sei. Sie versuchte Ihm das zu erklären, aber irgendwie konnte er das nicht verstehen und fand es einfach übertrieben. „Die Zeit wird es richten, ich hab Urlaub, das wird schon“, beruhigte Sie Ihn. Die Tage kamen und gingen, Sie wurde etwas ruhiger und genoss die freie Zeit. Die Drei Wochen waren schnell vorbei und Sie musste zurück zu Ihrer Einheit. Das Rauslegen der grünen Klamotten verursachten Bauchschmerzen und Appetitlosigkeit. Der Wecker klingelte und es war vor fünf Uhr in der Früh. Es war noch dunkel draußen, aber die Runde mit Lisa tat ihr gut. Zwanzig Minuten brauchte sie bis in die Kaserne, also ist sie kurz vor knapp los gefahren. Beim morgentlichen Antreten der Kompanie wurde Sie willkommen geheißen und wurde ausgezeichnet für vorbildliche Pflichterfüllung. Das sind Auszeichnungen die kein Mensch braucht. Der Tag war klar strukturiert. Erst in den Sanitätsbereich, Blutabnahme und der allgemeine Bodycheck. Dem Truppenarzt fiel die schlechte körperliche Verfassung nicht ganz so auf, oder er wollte es nicht sehen. Sie wurde von dem Kameraden größtenteils in Ruhe gelassen, darüber war sie recht froh. Gegen 16 Uhr, also kurz vor dem Dienstschluss sollte sie sich noch beim Bataillonskommandeur melden, es wäre wichtig. Da kann man leider nicht nein sagen. Also ging Sie zu ihm und meldete sich vorbildlich an seinem Büro an. Er war sehr nett, eigentlich sehr menschlich für einen so hohen Vorgesetzten. „Ich hab eine gute und eine weniger gute Nachricht für sie. Welche zuerst?“ Mit großen Augen schaute Sie Ihn an. „Erstmal die gute.“ „Na dann, Feldwebel ****** stillgestanden. Im Namen der Bundesrepublik Deutschland, ernenne ich sie zum Oberfeldwebel.“ Ein Lächeln. Wahnsinn nach so kurzer Zeit schon Oberfeldwebel, das war ein geiles Gefühl. „Und nun die weniger Gute?“ Sie nickte. „Sie fliegen Freitag zurück nach Afghanistan.“ Es wurde dunkel in Ihr, all Ihre Freude wich Ihr aus dem Körper. „Warum? Ich bin doch grad erst wieder da“. Tränen wollten sich den Weg in Ihre Augen bahnen, aber sie erstarrte und wollte keine Schwäche zeigen. „Die amerikanischen Streitkräfte brauchen sechs Scharfschützen, für außerplanmäßige Operationen. Sie haben einen so guten Job gemacht, dass sie angefordert worden.“ „Für wie lange?“ fragte Sie. „Das kann ich Ihnen nicht genau sagen, maximal aber sieben Monate“. „Jawohl Herr Oberst, melde mich ab“. Sie machte kehrt und ging hinaus, ging in Richtung Ihrer Kompanie, wo der Kompaniechef noch gewartet hatte. Er wollte mit Ihr sprechen, aber sie ging stur an Ihm vorbei, schnappte sich Ihre Sachen, stieg in Ihr Auto und ist nach Hause gefahren. Zu Hause angekommen, wurde es dunkel um Sie herum.

27.4.17 17:45

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