72 Stunden glühende Hitze

Es ist Hochsommer in Afghanistan, das heißt es herrschen tagsüber mehr als 50 Grad Celsius in der Sonne. Schatten ist kaum vorhanden, außer in den Hütten der Einheimischen. Beide Scharfschützenteams erhalten einen Auftrag drei Tage in den Bergen der umliegenden Dörfer. Priorität Sicherung der Konvois. Bei der Befehlsausgabe wird explizit darauf hingewiesen, dass beide Trupps nicht von außen versorgt werden. Für die Soldaten ein wichtiger Hinweis, denn sie müssen genügend Wasser und leichte Verpflegung mitnehmen. Nach der Befehlsausgabe kommt der routinierte Ablauf, Rucksack packen, Waffe vorbereiten, Wasser auffüllen und noch einmal eine E Mail an die liebsten verschicken, damit diese sich keine Sorgen machen. Im Kopf spielen sich schon einige Szenarien ab, welche auf einen zukommen können. Für die junge Scharfschützin ist es der sechste Auftrag mit ihrem Gewehr. Es ist niemals leicht, denn es zählt jede Sekunde und jedes Detail, für die Einhaltung des Auftrages. Nach ein paar Stunden geht es in der einsetzenden Dämmerung in die Region Peghman. Dort sollen die beiden Teams die Hauptstraße Richtung Kabul sichern. Es sollen wertvolle Konvois nach Kabul kommen, um auch die Bevölkerung mit Verpflegung und Hilfsgütern auszustatten. Die Fahrt in das Gebirge ist ruhig und das Schaukeln des Hummerjeeps sorgt dafür, dass sie leicht einschlafen. Es gilt immer, sofern kein Auftrag vorhanden, dafür sorgen, dass man ausgeruht ist. Die nächsten Stunden werden einige Kräfte rauben. Es ist dunkel als sie an Ihrem Ziel ankommen. Es werden noch die Frequenzen für den Funk verteilt, dann stapfen beide Teams in Ihre Zielpositionen. Der Beobachter macht den Beobachtungsposten Zu Recht und Sie Ihre Waffe mit Nachtsichtgerät. Nachts kühlt es sich so dermaßen ab, dass man sich wirklich warm einpacken muss. Sie macht die erste Nacht durch, damit Ihr Beobachter ein wenig Schlaf bekommt. Als die Sonne aufgeht, klopft Ihr der Kamerad auf die Schulter und Sie selbst rollt sich etwas ein. Ein Sonnensegel gut getarnt spendet wenigstens ein wenig Schatten. Ihr kam es vor wie eine halbe Stunde, aber sie schlief tatsächlich sechs Stunden, bevor sie geweckt wurde. Der erste Konvoi rückte an. Schnell legt sie sich hinter ihre Waffe und justiert sie so, dass sie alles scharf sehen konnte. Das andere Team meldete zwei Fahrzeuge, die nicht in den Konvoi passten und vollbesetzt mit Menschen waren. Sie sind langsam an dem Konvoi vorbeigefahren und die Anspannung stieg in jeden Muskel. Als die Fahrzeuge vorbei waren, atmeten beide durch und verfolgten den Konvoi mit dem Zielfernrohr Richtung Kabul. Per Funk wurde mitgeteilt, dass er sicher in Kabul eingetroffen ist. Es bleibt also ein wenig Zeit um etwas zu essen und den Wasserhaushalt im Körper aufzufüllen. Die Sonne steht mittlerweile so hoch am Himmel, dass auch das Sonnensegel nichts mehr brachte. Für den Tag war kein Einsatz weiter geplant, dann hieß es Beobachten. Die Teams wechselten sich super ab, so dass jeder Soldat ein wenig verschnaufen konnte. In der darauffolgenden Nacht legte Sie sich wieder selbst hinter ihr Gewehr und auf der anderen Seite, lag der Beobachter mit seinem Fernglas und tat es ihr gleich. Wenn man in der Stille alleine mit sich ist, gehen einem viele Gedanken durch den Kopf. Was machen die Lieben zu Hause? Kommt man selbst heil nach Hause? Wie lange soll das noch gehen in diesem Land? Was denken die Einheimischen über die ganze Militärpräsenz? In dem Nachtsichtgerät sind vereinzelte Menschen im Gebirge und auf der Straße zu sehen, die Ihr Vieh vor sich hertreiben. Um der Stille ein wenig zu entfliehen, hört sie leise Musik über ihren MP3 Player, so dass sie das Funkgerät aber noch hören kann. Die Nacht bleibt ruhig und die Sonne geht auf. Die Müdigkeit kriecht ihr in die Knochen und sie legt sich unter das Sonnensegel. Der andere Scharfschütze übernimmt bis zum Nachmittag. Geplagt von unruhigem Schlaf, erwacht sie schon gegen Mittag. Die Sonne knallt vom Himmel. Unter der Einsatzweste ist alles klatschnass vom Schweiß. Eine Wasserflasche nach der anderen wird getrunken um das dehydrieren zu vermeiden. Der Hunger hält sich in Grenzen, denn die Anspannung ist viel zu groß um gesunden Appetit zu entwickeln. Bis auf ein paar Panzerkekse hat sie bisher nichts essen können. Der nächste Konvoi wird angekündigt. Es sind ungepanzerte Fahrzeuge mit Hilfsgütern. Diese Fahrzeuge werden gern gestoppt und geplündert. Eben noch unter dem Sonnensegel, nun hinter der riesigen Waffe. Der andere Trupp klär verdächtige Personen auf und schon wird das Feuer eröffnet. Es staubt und man kann schwer sehen, worauf geschossen wurde. Ein ziviles Fahrzeug fährt in einen Graben und geht in Flammen auf. Umherstehende Zivilisten versuchen die Insassen aus dem Fahrzeug zu befreien, doch dann detoniert es. Der Knall war Ohrenbetäubend und das obwohl sie so weit entfernt lagen. Der Konvoi passiert unsere Stellungen und kommt sicher in Kabul an. Über Funk wird bestätigt, dass das Fahrzeug direkt auf eines der Konvoifahrzeuge zugesteuert sei und man es mit einem Schuss in den Reifen umleiten wollte. Es war sehr effektiv. Die Hitze zerstört sämtliche Gehirnzellen und ist einfach unerträglich. Als die Dämmerung einsetzt ziehen sich beide neue Klamotten an, denn die nassen Sachen werden in der Nacht sehr kalt und sorgen dafür, dass man friert, obwohl es tagsüber so heiß war. Die Nacht sollte diesmal nicht so ruhig werden, wie bisher. Der Funk kündigt einen unerwarteten Konvoi an. Das Fahrzeug, was am Tag in Rauch aufging, glüht immer noch im Nachtsichtgerät. Sie stellt sich noch einen ruhigen Song in Ihrem Player ein, als der Beobachter Alarm schlägt. Er gibt Ihr die Koordinaten und die junge Frau lässt alles fallen. Legt sich hinter die Waffe und sieht es. Panzerabwehrwaffen, Maschinengewehre und etwas was aussieht wie Stilhandgranaten. Es wird sofort durch den Funk gegeben. Ihr Trupp wurde als Eröffnung auserkoren. Es wurde alles abgebaut und verstaut. Das Sonnensegel, die Rucksäcke und sämtliche Ausrüstung werden hinter einem Hügel verstaut. Damit soll ein schneller Rückzug gewährleistet sein. Der Konvoi kommt in Sichtweite. Sie sieht, wie der Panzerfaustschütze sich in Stellung bringt. „Feuer frei Alpha.“ Einatmen, Ausatmen, Einatmen, Luft anhalten. Der Schuss bricht. Die Augen schließen sich. „Volltreffer“, brüllt der Beobachter. Nun war die Stellung verraten. Ein zweiter Panzerfaustschütze, nimmt die Stellung ins Visier. Bevor der zweite Trupp schießt, sieht Sie den Sprengkörper in Richtung Ihrer Stellung fliegen. „Deckung“, brüllt Sie und wirft sich selbst hinter einen Vorsprung. Der Einschlag, Ohrenbetäubend. Stille. Sie tastet sich ab, und ruft nach Ihrem Kameraden. „Alles, ok. Und bei dir“. „Ich lebe noch.“ Sie kriecht zu Ihrer Waffe, die verrutscht war und schaut durch die Optik. Auch der zweite Schütze lag nun auf der Straße. Über Funk „Feuer frei, auf alles was sich bewegt.“ „Alpha, verstanden.“ Jetzt wird nicht mehr geatmet, jetzt wird willkürlich geschossen. Auch das andere Team feuert. Nach gefühlten Stunden, war das Gefecht vorbei. Auf der Straße lagen die leblosen Körper. Sie legte sich auf den Rücken und atmet durch. Das war knapp. „Fertig machen, zur Abholung“. Gott sei Dank. Als sie beide in dem Hummerjeep saßen, grinsten sie sich kurz an. „Also dem Bravo Schützen, würde ich eine reinhauen“, sagte der Beobachter. Er hatte recht, wie konnte er es zulassen, dass er die Panzerfaust abfeuern konnte. Aber sie war zu müde um sich darüber Gedanken zu machen. Im Camp zurück, reinigte Sie ihre Ausrüstung und ölte die Waffe ein. Sieben Abschüsse in einer Nacht, einfach nur grausam. Dann dem Tod von der Schippe gesprungen, mit wahnsinnig viel Glück. Sie schickte noch eine SMS an Ihren Freund, damit er weiß, dass sie wieder im Camp ist, aber seine Antworten ließen immer länger auf sich warten. Sie war so erschöpft, dass Sie nicht einmal ein Schlummertrunk brauchte. Sie hasste dieses Land.

26.4.17 10:47

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