Auge um Auge

Die Sonne steht hoch am Himmel. Es sind bestimmt 45° im Schatten. Meine Position liegt nordöstlich von Kandahar auf einem Hügel. Der Sand kriecht mir bis in die Unterhose. Bei jeder Bewegung scheuert es unangenehm. Wir sollen eine Hauptstraße überwachen und kontrollieren. Mein Beobachter liegt neben mir, spielt aber fröhlich auf seinem Handy, da ich selbst beobachte. Wir scherzen ab und an, da man bei einer Tagesbeobachtung schon mal müde werden kann. Der Auftrag an diesem Tag ist recht einfach: Konvoi überwachen und Verdächtige melden und ggf. ausschalten. Dies ist mein erster Einsatz in Afghanistan und ich bin den amerikanischen Streitkräften unterstellt. Der Umgangston ist recht locker, aber die Amis sind sehr schießwütig. Das Klima und die Hemmschwelle zum Schießen machen mir schwer zu schaffen. Die Gedanken kreisen jede Nacht in meinem Kopf, aber es ist mein Job. Nun liege ich hier, ca. 900 Meter entfernt von der Hauptstraße, welche zwei Dörfer miteinander verbindet. Der Blick durch die Optik zeigt mir ältere Menschen, die Ihre Karren, gezogen von einer Kuh, einem Pferd oder Esel, vor sich hertreiben oder hinter sich herziehen. Per Funk wird uns ein Konvoi angekündigt, welcher an uns vorbeifährt. Mit einem Nicken gebe ich meinem Beobachter zu verstehen, dass auch er sich jetzt das Fernglas schnappen soll, damit wir unsere Kameraden sicher dort durchführen können. Der Funk knackt und ein anderes Sniperteam will einen Mann gesehen haben, der am Straßenrand einen Sprengsatz platzieren will. Wir bekommen die Koordinaten und ich schwenke mit meiner Waffe in diese Richtung. Stelle auf maximale Vergrößerung und sehe den Mann. Wir sehen Ihn von vorn, das andere Team von hinten. Nun warten Sie auf eine Bestätigung von mir. Das einzige, was ich erkennen kann, ist eine Flasche in seiner rechten Hand. Der Funk fragt, ob wir den Sprengsatz bestätigen können. Mein Beobachter wartet auf meine Antwort: „ Nein, kein Sprengsatz“. Der Konvoi fährt an der Stelle vorbei, nichts passiert. Mit einem tiefen Schnauben lass ich kurz die Spannung aus meinem Körper. Mein T-Shirt unter meiner Weste ist klatschnass, ebenso wie meine Hose. Nach einem tiefen Schluck aus der Wasserflasche, beginnt erneut eine Spannungsphase. Die Straße abschwenkend mit fünffacher Vergrößerung, fällt mir eine verschleierte Person auf. Sie geht langsam, fast schlendernd die Straße entlang, in der linken Hand einen leeren Kanister, vermutlich für Wasser. Aber irgendwas ließ mir keine Ruhe, bei diesem Anblick. Die Person war verschleiert, wie eine Frau, der Gang passte aber nicht dazu. Eine noch größere Auflösung bestätigte meine Vermutung, keine Frauenschuhe, keine Frauenfüße. Der Funk knackte erneut und kündigte einen neuen Konvoi an, der Hilfsgüter nach Kandahar bringen soll. Schnell funkte mein Beobachter meinen Verdacht weiter. Wir sahen den Konvoi, er wurde sofort langsamer, nach unserem Funkspruch. Die obere Führung forderte, das andere Team auf, meine Beobachtung zu kontrollieren und zu bestätigen. Die Zeitspanne zwischen Beobachtung und Bestätigung betragen maximal 15-30 Sekunden. Team zwei bestätigte. Wir erhalten den Auftrag die Person aufzuhalten und zu eliminieren bei Gefahrpotential. Nun muss alles schnell gehen. Entfernung berechnen, Windgeschwindigkeit mit einbeziehen. Entfernung Konvoi und Zielperson 700 m. Der Funk knackt: „ Feuer frei Team 1.“ Wie immer ein Kloß im Hals. Atmung regulieren. Die Zielperson hat offenbar bemerkt, dass der Konvoi Bescheid wusste, denn die Schritte wurden Schneller. Eine Windböe zeigte mir ein Detail, welches ich für mein Gewissen brauchte. Drähte vom Bauch bis zum Ärmel, in der Hand wo sich der Kanister befand. „Worauf wartest du? Schieß endlich!“ zischte mein Beobachter. 500m. Druckpunkt am Abzug. Ein Knall, die Augen schließen sich. Ein Schrei. Schweißgebadet wache ich auf. Ein Alptraum. Seit die Anschläge von Terroristen sich häufen, kommen sie wieder. Neben mir die schnurrende Katze, die sich auch erschrocken hat. Den Schweiß von der Stirn gewischt, die Katze im Arm. Es ist vier Uhr in der früh und im Haus ist es still.

1.1.17 15:23

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