Ilja und Ali

Prizren, Kosovo

Seit vier Monaten nun leistet die junge Soldatin Ihren Dienst in diesem Fremden Land. Eingesetzt als Fahrerin eines gepanzerten Fahrzeuges, erkundet sie das Land und leistet Ihren Dienst für das Vaterland. Oft waren Patrouillen in die nächste Stadt oder das nächste Dorf ihre Aufgaben. Es wurden warme Sachen, Spielsachen oder einfach nur Kleinigkeiten an die Bevölkerung verteilt, wenn sie dorthin gefahren sind. Der Wiederaufbau und die Völkerverständigung Stand ganz oben auf der Liste der Aufträge. Die Kommunikation war nicht immer leicht, weil nicht alle das Vertrauen in die Soldaten hatten. An diesem Tag war es heiß, aber Sie freute sich auch wieder einmal neue Kontakte zu knüpfen. Die Fahrt dauerte über eine Stunde, die Fahrzeuge wurden in der Dorfmitte hintereinander abgestellt und pro Fahrzeug blieb ein Soldat zurück. Sie selbst nahm Ihre Waffe, ein paar Süßigkeiten und mischte sich unter das Volk. Sie schlenderte ein wenig umher, als Ihr zwei Kinder auffielen, die auf einer Mauer saßen und mit Ihren Puppen spielten. Die Schokolade in der Hand, ging Sie auf die beiden zu und lächelte. Der kleine Junge lächelte freundlich zurück, spielte dann aber weiter mit seiner Puppe, welches eine sehr verblasste Actionfigur von Ironman war. Das kleine Mädchen war sehr ruhig und beachtete die junge Soldatin nicht wirklich. Die junge Frau hielt den beiden die Schokolade hin und der kleine griff lächelnd zu. Das Mädchen aber ignorierte sie weiterhin. „Mein Name Ali“, sprudelte der kleine heraus und stopfte sich die Schokolade in den Mund. Die Soldatin reichte Ihm die Hand und nannte Ihm auch Ihren Namen. Dann fragte Sie nach dem Namen des Mädchens und Ali antwortet: „Das ist Ilja.“ Die junge Frau reichte auch Ilja die Hand, aber Ilja war einfach misstrauisch ihr gegenüber. Nach über einer Stunde spielen mit Ali und viel Lachen, musste die junge Soldatin aber wieder zurück zu Ihrem Fahrzeug. „Ich komme wieder, versprochen. Pass auf Ilja auf.“ Ali nickte und winkte Ihr hinterher. Diese Fahrten wiederholten sich alle paar Tage und Sie hat erfahren, dass Iljas Eltern bei einem Anschlag ums Leben gekommen sind, als diese auf dem Markt zum Einkaufen waren. Das Schicksal dieses Mädchens nahm sie sehr mit. Nach ein paar Besuchen bei Ali und Ilja, entwickelte sich aber eine kleine Freundschaft. Die Soldatin gab Ihnen Spielsachen, Süßigkeiten und für Ilja hatte sie sogar einen warmen Pullover besorgt, da die Jahreszeit mittlerweile recht kühl geworden war. Ilja freute sich riesig über den knallroten Pullover mit Kapuze, der Ihr zwar ein paar Nummern zu groß war, aber seinen Zweck erfüllte. Eine Woche vor dem Abflug nach Hause, musste sie das den beiden mitteilen. Die zwei Kinder waren sehr traurig darüber. „ Ich war jetzt sieben Monate in eurem schönen Land, meine Familie vermisst mich und deshalb muss ich wieder nach Hause“, sagte die junge Frau den beiden. „Kommen du nochmal wieder?“ fragte Ilja. „Wir kommen morgen noch einmal, um die neuen Soldaten in eurem Dorf vorzustellen, die dann auch sieben Monate bleiben und euch helfen.“ Erklärte die Soldatin. „Bis morgen“, winkte sie den beiden zu und ging zu Ihrem Fahrzeug. Die beiden Kinder winkten und lächelten ihr hinterher. In Ihrem Lager angekommen packte Sie Ihre Sachen und dachte über die Zeit nach, welche sie gern mit den beiden Kindern verbracht hatte. Früh am nächsten Morgen kam der Einsatzbefahl für die letzte Patrouille und sie stieg mit einem komischen Gefühl im Bauch in Ihr Fahrzeug. Wie immer stellte Sie Ihr Fahrzeug an den Straßenrand ab und kletterte heraus. Nahm sich Ihre Waffe, schnallte Sie sich auf den Rücken und ging zur Mauer, wo die beiden Kinder immer warteten. Als sie dort ankam, saß Ali alleine auf der Mauer und starrte Löcher in den Boden. Sie wuschelte ihm durch die Haare und fragte: „ Hey mein kleiner, wo ist Ilja?“. Ali hob den Kopf, „nicht wissen, sie ganze Nacht nicht gekommen nach Hause. Oma und Opa sie suchen die ganze Nacht.“ Das war gar nicht die Art von Ilja. „Komm mal mit, wir versuchen zu helfen.“ Sie nahm Ali an die Hand und ging zu Ihrem Vorgesetzten. Sie erklärte Ihm alles und bat darum, dass man mit einem Dolmetscher eventuell mit den Großeltern sprechen könne. Der Vorgesetzte hörte sich alles an und nickte. Pfiff den Dolmetscher zu sich heran. „Ali kannst du uns zu dem Haus der Großeltern bringen, damit wir helfen können?“ Ali nickte und zerrte mich hinter sich her. An dem Haus angekommen, sollte Ali draußen warten. Ihr Vorgesetzter, der Dolmetscher und Sie gingen in das Haus. Der Dolmetscher erklärte, wer sie waren und dass sie helfen wollten. Die Großmutter hielt ein Bild von Ilja in der Hand und weinte. „ Es dunkel, sie nicht kam, noch nie weggelaufen“, sprach Sie in ganz spärlichem Deutsch. Der Dolmetscher beruhigte Sie und fragte nach Orten, wohin sie eventuell gegangen sein konnte. Zwei Orte waren Ihr bekannt. Der Vorgesetzte koordinierte die beiden Suchtrupps und sie saßen schnell auf Ihren Fahrzeugen. Drei Fahrzeuge fuhren nach Osten, drei nach Norden. Die junge Soldatin hatte richtige Magenschmerzen und musste sich zusammenreißen und auf das Fahren konzentrieren. Keine Zehn Minuten nachdem sie losgefahren waren brüllte der Kommandant den Befehl zum Halten in die Kopfhörer. Die Fahrerin fragte nach, was los sei. „Absitzen“, kam nur als Befehl zurück. Sie schnappte sich Ihre Waffe und kletterte aus Ihrer Luke. Ihr Vorgesetzter stand schon am Straßenrand und schaute die kleine Böschung hinunter. Erst den Blick auf Ihm, dann langsam seinem Blick folgend sah sie etwas undeutlich im Graben liegen. Die Farbe Rot übertönte das Bild. Sie bekam weiche Knie, denn sie kannte den Pullover. Langsam ging sie hinunter, Ihr Vorgesetzter folgte. Da lag ein lebloser Körper, schwer zugerichtet, Blutverschmiert und komplett verdreht im Staub. Die Soldatin Kniete sich hin und zog das kleine Mädchen zu sich heran. Sie hatte eine schwere Kopfwunde, die Schädeldecke war halb weggerissen und Ihr weiches Gehirn quoll heraus. Sie kämpfte gegen das Übergeben an und drückte das Kind zu sich heran. Ihr Kommandant kam zu Ihr hatte ein Tuch dabei. Sie richteten die Knochen, drückten das Gehirn in den Kopf, setzten die Schädeldecke wieder drauf und verbanden den Kopf. So sah es nicht so schlimm aus. Den Verletzungen zu Folge, hat Sie ein Auto angefahren und einfach liegen lassen. Der Kommandant nahm das Kind auf den Arm und trug es aus dem Graben. Die restlichen Soldaten bildeten eine Ehrengasse und nahmen alle Ihre Helme ab. Tränen suchten sich nun langsam Ihren Weg aus den Augen. Das kleine Mädchen wurde behutsam in das Fahrzeug gelegt. Alle stiegen wieder in Ihre Fahrzeuge und sind langsam in das Dorf zurück gefahren. Als Ali die Fahrzeuge sah hüpfte er vor Freude. Die Soldatin stoppte, alles geschah wie in Zeitlupe. Absitzen, Ilja aus dem Fahrzeug holen (eingewickelt in eine Decke) und in Richtung des Hauses der Großeltern laufen. Ali erblickte die junge Frau und rannte auf sie zu. „Ich komm gleich zu dir Ali, warte hier, bitte.“ Abrupt blieb der Junge stehen und schaute sehr traurig. Der Dolmetscher ging mit in das Haus und die Oma brach zusammen. Der Opa nahm das Kind an sich, drückte es und bedankte sich, dass die Soldaten das Kind wenigstens zurück gebracht hatten. Die Soldatin versuchte die Oma zu trösten und weinte mit Ihr. Zum Abschied gab sie der jungen Frau noch ein Bild von Ilja mit, auf dem sie lächelte. „Sie immer geredet habe von Ihnen. Sie gutes Herz.“ Die junge Frau bedankte sich und gab auch dem Großvater die Hand zum Abschied. Draußen wartete immer noch Ali an der gleichen Stelle. Sie ging auf Ihn zu. „Was los, was mit Ilja?“, sprudelte er. Sie nahm ihn an die Hand und ging zur Mauer, setzte ihn darauf und sagt: „Ilja hatte einen Unfall. Ein Auto hat sie übersehen und sie schwer verletzt, so dass sie jetzt im Himmel ist.“ Ali ließ den Kopf hängen. „Ali ich muss jetzt in mein Land zurück, versprich mir, dass du auf dich aufpasst.“ Er nickte, hatte Tränen in den Augen. Zum Abschied drückte er Sie ganz fest. Mit schweren Beinen ging sie zu Ihrem Fahrzeug und fuhr wie Ferngesteuert ins Camp zurück. Keiner der Soldaten sprach jemals wieder davon, sondern sind alle nach Hause geflogen. Zu Hause angekommen, legte Sie das Foto von Ilja in Ihren Schreibtisch. Oft sieht sie das junge Mädchen noch vor sich, in Ihrem knall roten Pulli.

28.12.16 13:50

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