Zukunftsängste?

Nicht Bruce Banner, nicht Hulk sondern ich. Sollte ich Zukunftsängste haben? Nein warum denn? Natürlich bringen die beiden Diagnosen mein Leben durcheinander, aber da ich jetzt weiß, dass es sowieso keiner versteht und ich es auch niemandem mehr erklären oder aufzeichnen muss, kann ich mich komplett auf mich konzentrieren. Als die Diagnose Bipolare Störung ans Licht kam, war ich so verunsichert, dass ich es eigentlich niemandem sagen wollte, denn begreifen kann das eh keiner. Da ich aber in einer Ehe lebte, dachte ich, es wäre eine kluge Entscheidung eventuell, doch meinen Ehemann mit einzubeziehen. Naja weit gefehlt, denn verstanden und begriffen hat er gar nichts. Seine Worte *das schaffen wir auch* sind Floskeln von einem Mann, der überhaupt nicht weiß, was es heißt, mit solch einer Diagnose zu leben. Anstatt sich mal von dem heißgeliebten Fernseher zu trennen und sich gegebenenfalls mal im Internet schlau zu machen, was das überhaupt bedeutet, hagelt es Vorwürfe, wenn ich nicht so funktioniere, wie er es gern hätte. Ich hab versucht meine Launen mit Musik in den Griff zu bekommen, aber auch dafür hagelte es nur Kritik, denn es wäre ja unhöflich, mit Kopfhörern auf der Couch zu liegen. Naja mag sein, aber warum sollte ich dies nicht tun, denn der Fernseher läuft den ganzen Tag, Kommunikation findet überhaupt nicht statt seinerseits, also versteh ich das Problem nicht so ganz. Musik und Radfahren sind die Dinge, die ein wenig Ausgleich geschaffen haben. Der Kampf in mir tobte also und ich musste damit alleine klar kommen, weil niemand eine Ahnung hat, was es überhaupt bedeutet. Natürlich ist man schlapp, ja auch müde, aber man hat versucht es dem Mann und auch dem Umkreis recht zu machen. Der Stress auf der Arbeit, wurde herunter geschluckt und beiseite geschoben. Das Studium fiel komplett hinten runter und emotional stand ich einfach alleine da. Mein Ehemann weiß bis heute nicht, was eine bipolare Störung ist und wundert sich, warum man nur noch abweisend ist. Als mein allerbester Freund diese Diagnose bekam, ging es ihm ähnlich und seine Beziehung zerbrach daran, weil auch seine Freundin nicht wusste, was da auf sie zukommt. Auch er hat versucht es ihr zu erklären. Dank eines guten Chefs, konnte er mehrmals zur Rettung in eine Psychiatrie. Aber der Schein hat getrübt und irgendwann kam er alleine mit dem Druck nicht mehr klar. Die Nachricht, dass er sich erhängt hat, klingelt noch heute in meinen Ohren. Eigentlich ist das überhaupt nicht nötig, denn es gibt gute Medikamente, aber leider muss das Umfeld auch ein wenig mitspielen. Auf die einzigen, auf die ich mich verlassen kann, sind wirklich meine Freunde. Es sind nicht viele, aber sie sind da. Meine Arbeitskollegin und Freundin hatte zuerst von der Diagnose erfahren und nötigte mich quasi, es doch meinem Ehemann zu sagen. Alles sträubte sich in mir, denn ich wusste warum. Und genau jetzt stehe ich da, wo auch mein bester Freund stand. Die Tatsache, dass ich niemals praktizieren darf in der Psychologie, tut unheimlich weh und hat einen kleinen Teil von mir abgebrochen. Aber eigentlich heißt es ja immer, wo eine Tür sich schließt, öffnet sich ein Fenster. Warum sollte ich meinen Job, den ich eigentlich gern machte, nicht als Fachkraft fortsetzen. Der Gedanke war nicht schlecht, wenn mir auch fünf Jahre meines Lebens genommen wurden, um die Psyche des Menschen kennenzulernen. Da aber nicht alles auf einmal geht, muss ich Prioritäten setzen.  Mir wird vorgeworfen, ich würde alles wegwerfen. Die Frage ist, was denn? Eine Beziehung, die lieblos ist? Eine gemeinsame Wohnung, die nur für Distanz sorgt? Keine gemeinsamen Hobbies? Keine vorhandene Kommunikation? Es wird Männern ja oft nach gesagt, dass sie einfach oberflächlich sind. Nun das kann ich bestätigen. Wo die Frau mal an seine Lieblingssüßigkeit denkt, oder gar den Bürokram ohne Murren macht. Den Haushalt versucht zu organisieren, schafft der Mann es nicht einmal im Jahr (außer am Hochzeitstag), mit Kleinigkeiten an einen zu denken. Es sind alles Selbstläufer. Ich stelle wahrlich nicht hohe Ansprüche, weder an Schmuck, noch an Kleidung, noch an gemeinsame Abende außerhalb zum essen oder Kino. Jeder Mann ist anders, aber in der Beziehung sind sie alle gleich. Es wird auf hohem Niveau gejammert und Geld gespart, was man tatsächlich mit ins Grab nehmen kann und es wird nicht gelebt. Das ist nicht meine Philosophie. Durch sechs Kriege, sehe ich das Leben anders. Dreimal bin ich dem Tod von der Schippe gesprungen. Zweimal im Krieg und einmal danach. Also warum sollte ich nicht einfach mal Leben. Die Freiheit auf dem Quad ist es, die mich unheimlich glücklich gemacht hat, scheißegal was der Sprit kostet, es macht einfach Spaß. Natürlich gehe ich mit gemischten Gefühlen in die Zukunft, aber schlimmer als jetzt kann es ja eigentlich nicht mehr werden.

26.9.17 06:58, kommentieren

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Ein nicht immer einfacher Job

In einem Sicherheitsunternehmen hat man es nicht immer leicht, schon gar nicht als Frau. Den Job mache ich dennoch eigentlich sehr gern. Mittlerweile merkt man aber ganz stark, dass um jeden Arbeitsplatz gekämpft wird. Nicht unbedingt in meiner Branche, aber in der Branche, wo wir als Sicherheitsleute eingesetzt werden. Eingesetzt in einer großen „Fleischbude“, erledige ich alleine eine Menge Aufgaben. Von Handwerker empfangen, bis Nachschubanlieferungen überwachen, bis hin zur Ersten Hilfe. Ich mache wirklich alles sehr gern, aber inzwischen sehe ich, wie mit armen Menschen umgegangen wird, die versuchen sich selbst oder gar eine Familie zu ernähren. Wir haben zwei Subunternehmer, die eine Menge Leiharbeiter an der Hand haben, welche aus den umliegenden Nachbarländern kommen. Viele Slowaken, Polen, Russen, Bulgaren, Spanier usw. Am Anfang waren es die Männer, die Ihre Grenzen austesteten mir gegenüber, aber das ist vorbei und ALLE Mitarbeiter sind freundlich und nett. Ich hab immer ein offenes Ohr, denn ich sehe mich selbst nicht als *böser* Sicherheitsmitarbeiter, im Gegenteil, die ober Führungsriege ist es, die ich verachte und mit der ich mich im Moment auch täglich anlege. Als ich dann gestern auf meiner Arbeit, eine eigentlich routinierten Anruf bekam, dass eine Mitarbeiterin zusammengebrochen ist, begann einer der schlimmsten Szenen in meinem Leben. Die Mitarbeiterin wurde in den Sanitätsraum gebracht, welcher genau neben meinem Büro liegt. Sie war nicht mehr wirklich ansprechbar und verdrehte die Augen. Nach Rücksprache mit dem Vorarbeiter begann ich sofort mit dem Bodycheck, er blieb ratlos neben mir stehen. Plötzlich brach der komplette Kreislauf in ihr zusammen und sie hörte auf zu atmen. Panik. Ich rief sofort die Notrufzentrale an und kramte mein Handy (was ja verboten ist) raus um meine Notfallapp zu starten. Nicht weil ich nicht wusste, was ich tun sollte, sondern um mir den *Stay alive Song* zu starten. Das Telefonat dauerte keine Minute und ich fing an zu reanimieren. Mein Diensttelefon klingelte ununterbrochen, doch ich ignorierte es und versuchte das vor mir liegende junge Leben zu retten. Als mich der Produktionsleiter nicht erreichte, eilte er zu meinem Büro und wusste sofort, dass ich Hilfe brauchte. Ich schickte Ihn nach unten um alle Türen für den Notarzt zu öffnen und bat den Vorarbeiter eine Nummer zu wählen und das Telefon an mein Ohr zu halten. Ich schaffte es einen Einweiser zu organisieren, der den Arzt und das Team zum mir bringen sollte. Ich pumpte weiter ohne, dass ich mein Umfeld noch großartig wahrnahm. Ich hörte die Sirenen und schöpfte Mut. Es dauerte nur wirklich 5 – 7 Minuten und das Team rannte die Treppen zu mir hoch. In dem Moment kam einer der Geschäftsführer gerade die Treppe hinunter und fragte: „Was ist los und ist es nötig, den Rettungswagen zu rufen?“ Ich drehte mich zu ihm um und fauchte ihn an, dass er sich verpissen soll. Der Notarzt hob mich hoch und schob mich zur Seite, lächelte und sagte: „Gut gemacht, ich übernehme!“ Der Geschäftsführer stand mit seinem Telefon am Ohr hinter mir und ich bekam nur beiläufig mit, dass wegen dieses Einsatzes ein Band in der Produktion stillstand und er versuchte es herunterspielen. In mir baute sich alles auf, Wut, Panik und vor allem Verachtung. Ich packte ihn und stellte ihn an die Wand. Meine Hände waren in der Lage ihm locker sein Scheiss Genick zu brechen und ich sah seine Panik anhand von Pipi in den Augen. Der Produktionsleiter stand daneben und hielt mich nicht zurück, denn dieser glatzköpfige, verfickte, holländische Geschäftsführer, war nicht sonderlich beliebt unter den Mitarbeitern. Ich ließ ihn los und sagte, er soll zu sehen, dass er Land gewinnt, sonst würde ich mich vergessen. Ich drehte mich um und schaute auf die Monitore des Notarztes. Kein Sinusrhythmus kein nichts war zu sehen. Sie schafften die junge Frau in den Rettungswagen und reanimierten weiter. Keine Chance. Die Frau verstarb. Ich saß neben dem Rettungswagen auf der Leitplanke und suchte nach meiner Fassung. Die beiden Rettungsfahrzeuge verließen das Gelände und ich ging in mein Büro. Eine Tür flog auf und der Freund, der jungen Frau stürmte in meine Richtung. „Wo meine Freundin?“ Der Vorabreiter der noch tröstend bei mir war, bremste den jungen Mann und versuchte ihm zu vermitteln, dass es zu spät war. Das ist der Punkt an dem ich meinen Job hasse. Diese herabwürdigende Haltung der Vorgesetzten ist es, die mich einfach an der Menschheit zweifeln lässt. Warum muss man Menschen für 5,50 Euro arbeiten lassen? 60 Stunden die Woche, über ein halbes Jahr und nur die Sonntage mal frei? Ist ein Mensch es nicht mehr wert, dass man ihn vernünftig und angemessen behandelt? Ich stellte auch die Rettungskette in dem Betrieb in Frage. Weiterhin versuchte ich herauszufinden wo denn unsere tragbaren Defibrillatoren waren. Es stellte sich heraus, dass wir gar keine haben und ich zweifelte noch mehr. In diesem Betrieb ist kein Mensch was wert. Es wurde sofort unbehelligt weiter gemacht und sofort Ersatz gesucht. Mir war kotzschlecht. Du kommst als junger Mensch hierher, arbeitest hart für einen Hungerlohn und lässt dein Leben in so einer Fabrik. Unvorstellbar? Genauso läuft es doch.  

4.8.17 07:01, kommentieren