Eine verrückte Blondine

Ich kenne einige Blondinen, aber diese übertrifft alles, was ich bisher von der Spezies wusste und kannte. Sie weiß nicht, wo der Blinker an Ihrem Fahrzeug ist, schreibt WhatsApp Nachrichten an Leute, obwohl die gar nicht für diese bestimmt sind, muss sich tatsächlich alles aufschreiben und ist einfach ab und an herrlich verwirrt. Ja jetzt denkt ihr bestimmt, was soll ich denn mit so einer in meinem Freundeskreis? Ganz simpel, es wäre alles so herrlich  unlustig, wenn ich sie nicht kennen würde. Missen möchte ich sie eigentlich nicht mehr, denn sie ist mir in kurzer Zeit sehr ans Herz gewachsen. Obwohl wir jetzt schon fast vier Jahre in der Siedlung wohnen, sie schon weitaus länger, habe ich sie vielleicht zweimal vor unserem ersten geplanten Zusammentreffen, zu Gesicht bekommen. Sie ist höflich, zuvorkommend, kann sich aber auch mit Biss durchsetzen. Sie fällt eigentlich gar nicht so auf in der Wohngegend, weil sie sich in Ihrem Haus versteckt hält. Sie kommt wirklich nur raus, wenn sie mal einkaufen fährt, kurz die Einfahrt fegt oder mal wieder spontan mit Ihrem Mann zum Essen fährt. Letzteres kommt zwar häufig vor, aber sie warten immer bis es dunkel ist, damit das nicht so auffällt. Am Anfang unserer Zusammenkunft, waren sie für uns *nur* die Vermieter, aber das legte sich ganz schnell. Oft sitzt sie bei uns, wenn sie einfach mal wieder blödeln will, oder dringend was loswerden muss. Über Jahre hinweg ist sie Hausfrau und man merkt und spürt, dass sie ein unendliches Redebedürfnis hat. Es gibt nicht viele Menschen, denen ich vertraue oder sehr schlimme Dinge anvertraue, aber sie gehört dazu. Ob sie alles versteht weiß ich nicht und ist mir in der Hinsicht auch egal, wichtig ist, sie hat immer ein Ohr. Auf sie kann man sich verlassen. Egal was man fragt oder um was man sie bittet, man wird niemals abgelehnt, es sei denn es passt terminlich wirklich einfach nicht. Es werden Lösungen gefunden und auch Vorschläge akzeptiert, auch wenn ich mal kritisch Sachen ausspreche, die sie vielleicht nicht so oft zu hören bekommt, aber sie ist dann nicht sauer, sondern geht in sich und denkt wirklich nach, was dieses rotzfreche Küken, denn jetzt schon wieder meint. Sie akzeptiert mich so wie ich bin, mit all meinen auffälligen Stimmungsschwankungen und gerade das rechne ich der irren Blondine einfach hoch an. Sie hat keine Vorurteile gegenüber psychisch nicht so stabilen Leuten und davor hat man als Betroffener immer besonders viel Angst. Der Altersunterschied bei der komischen Freundschaft ist sowas von uninteressant, denn ich kann Dinge von ihr lernen und sie auch einige von mir. Mag man gar nicht glauben, aber auch so ein junger Hüpfer wie ich es noch bin, kann der alten Generation einiges auf den Weg mitgeben. Solche Freundschaften sind es, die das Leben ins positive beeinflusse und diese sollte man immer Pflegen. Wir können auch mal Tage haben, wo wir uns weder Sehen noch schreiben und das ist gut so. Sie ist auch eine der wenigen Frauen, die mich umarmen und anfassen darf, darauf darf sie sich jetzt was einbilden. Mögen wir noch ganz viele Jahre mit Spaß, Witz, Verwirrung, Blinkerfrei und vor allem gesund durchs Leben kommen. Liebe Inge auf diesem Weg, möchte ich dir einfach mal Danke sagen. Danke, dass du mir immer zuhörst, immer meine Texte liest, immer mit meinem Sarkasmus hervorragend umgehst und du, einfach du bist.

20.12.17 10:32, kommentieren

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In Gedenken an einen guten Freund und Kameraden

Ich war noch grün hinter den Ohren, als ich das erste Mal in den Auslandseinsatz sollte. Gerade einmal Unteroffizier und knapp ein Jahr im Dienste der Bundesrepublik Deutschland. Als einzige Frau in der Kampfkompanie, hatte ich natürlich den Status des Nesthäkchens und wurde gut beobachtet und beschützt. All meine Kameraden waren nett und hilfsbereit, aber ich musste mich auch enorm beweisen. Ein junger Oberfeldwebel, war sichtlich beeindruckt von dem, was selbst eine Frau in Uniform leisten konnte und wollte mich unbedingt in seinem Zug haben. Natürlich freute ich mich, über so viel Vertrauen und es entwickelte sich eine gute Freundschaft. Wir konnten uns blind auf den anderen verlassen. Wir durchliefen gemeinsam die Einsatzvorausbildung und er zeigte mir Tricks und Kniffe um Umgang mit unserem nicht so tollen Material. Wir verbrachten insgesamt 14 Monate im Kosovo zusammen, doch er flog als verwundeter und gebrochener Soldat zurück ins Heimatland. Zwei Wochen bevor es in unserem zweiten Einsatz nach Hause gehen sollte, wurden wir in Kämpfe verwickelt. Da ich Scharfschütze war konnte ich das Geschehen nur von Weiten beobachten und meine Kameraden so gut es ging unterstützen. Der Dingo meines Kameraden ist auf eine Landmine aufgefahren und regelrecht zerfetzt worden. Der Fahrer, ein junger Hauptgefreiter kam dabei ums Leben. Der Oberfeldwebel, der als Kommandant eingesetzt war, wurde aus dem Fahrzeug geschleudert und durch Splitter schwer verletzt. Für einen Sniper (Scharfschützen), sind das die Momente wo er am liebsten aus seiner Stellung heraus kommen würde, um zu helfen, aber ich musste auf Position bleiben, um die Rettungsaktion zu überwachen. In den Gedanken immer bei meinem guten Freund, konnte ich mich kaum auf den Auftrag konzentrieren. Er wurde in das Lazarett gebracht und wieder zusammengeflickt. Wir sind dann gemeinsam, zwei Wochen später nach Hause geflogen. Und nun? Nun hat er den Kampf gegen seine Dämonen verloren. Schon als wir wieder zu Hause waren, veränderte er sich. Er war launisch, cholerisch und war überhaupt nicht mehr belastbar. Ein Jahr später, nach seinen 8 Jahren wurde er aus der Bundewehr entlassen. Damals war die Posttraumatische Belastungsstörung noch ein Mythos und wurde von vielen Heimkehrern verschwiegen. Auch er schwieg und versuchte neuen Fuß zu fassen in der freien Marktwirtschaft. Aber er rutschte immer mehr ab. Seine Frau hielt zu ihm, egal was er anstellte und wie schlecht es ihm ging. Ihn plagten Alpträume. Als wir uns das letzte Mal sahen, war er ein sehr schmaler, in sich zusammen gefallener Mann. Er hatte eingefallene Augen und von seiner Statur, die mal einem Athleten ähnelte, war nichts mehr da. Er lächelte, als wir uns sahen. Nachdem er erfahren hat, dass ich noch weitere vier Einsätze hinter mir hatte, kamen ihm die Tränen. „Wie hast du das ausgehalten?“, hatte er gefragt. Ich konnte ihm das nicht beantworten, denn ich glaube, dass nur mein Körper im Einsatz war, nicht mein Geist. Dass meine Beziehung an der Bundeswehr gescheitert war, hat ihn nicht überrascht, denn mein damaliger Freund, war einfach zu egoistisch um mich zu unterstützen, oder sich gar für meinen „Erfolg“ zu freuen. Am 27.11.2017 hat sich nun mein guter Freund und einer der besten Kameraden, auf den Weg gemacht, um seinen Dämonen zu entfliehen. Mir bricht es das Herz, denn niemand sollte aufgrund der politischen Entscheidungen, junge Menschen mehrmals in ein Kriegsgebiet zu schicken, sein Leben selbst aus den Händen geben. Es macht mich unendlich traurig, dass er keine psychologische Hilfe in Anspruch genommen hat, denn vielleicht hätte ihm das geholfen. Da aber vor 2010 die PTBS als lächerlich im Kreise der Soldaten abgetan wurde, werden die Fälle erst heute richtig bekannt. Für dich mein Freund bleibt mir nur eins zu sagen: „Du warst der beste Vorgesetzte, den man haben konnte. Du warst stets loyal und hast etwas von Menschenführung verstanden. Durch deine Kompetenz, bin ich heil aus allen Einsätzen nach Hause gekommen. Es tut unheimlich weh, diese Nachricht erhalten zu haben, dass du einfach nicht mehr kämpfen wolltest.“ Hand zum Gruß Herr Oberfeldwebel.
Ruhe in Frieden und mögen deine Dämonen, dich nun endlich in Ruhe lassen

PS. Er hinterlässt eine Frau und eine sechsjährige Tochter. Mein tiefes Mitgefühl der Familie.

29.11.17 06:57, kommentieren