In Gedenken an einen guten Freund und Kameraden

Ich war noch grün hinter den Ohren, als ich das erste Mal in den Auslandseinsatz sollte. Gerade einmal Unteroffizier und knapp ein Jahr im Dienste der Bundesrepublik Deutschland. Als einzige Frau in der Kampfkompanie, hatte ich natürlich den Status des Nesthäkchens und wurde gut beobachtet und beschützt. All meine Kameraden waren nett und hilfsbereit, aber ich musste mich auch enorm beweisen. Ein junger Oberfeldwebel, war sichtlich beeindruckt von dem, was selbst eine Frau in Uniform leisten konnte und wollte mich unbedingt in seinem Zug haben. Natürlich freute ich mich, über so viel Vertrauen und es entwickelte sich eine gute Freundschaft. Wir konnten uns blind auf den anderen verlassen. Wir durchliefen gemeinsam die Einsatzvorausbildung und er zeigte mir Tricks und Kniffe um Umgang mit unserem nicht so tollen Material. Wir verbrachten insgesamt 14 Monate im Kosovo zusammen, doch er flog als verwundeter und gebrochener Soldat zurück ins Heimatland. Zwei Wochen bevor es in unserem zweiten Einsatz nach Hause gehen sollte, wurden wir in Kämpfe verwickelt. Da ich Scharfschütze war konnte ich das Geschehen nur von Weiten beobachten und meine Kameraden so gut es ging unterstützen. Der Dingo meines Kameraden ist auf eine Landmine aufgefahren und regelrecht zerfetzt worden. Der Fahrer, ein junger Hauptgefreiter kam dabei ums Leben. Der Oberfeldwebel, der als Kommandant eingesetzt war, wurde aus dem Fahrzeug geschleudert und durch Splitter schwer verletzt. Für einen Sniper (Scharfschützen), sind das die Momente wo er am liebsten aus seiner Stellung heraus kommen würde, um zu helfen, aber ich musste auf Position bleiben, um die Rettungsaktion zu überwachen. In den Gedanken immer bei meinem guten Freund, konnte ich mich kaum auf den Auftrag konzentrieren. Er wurde in das Lazarett gebracht und wieder zusammengeflickt. Wir sind dann gemeinsam, zwei Wochen später nach Hause geflogen. Und nun? Nun hat er den Kampf gegen seine Dämonen verloren. Schon als wir wieder zu Hause waren, veränderte er sich. Er war launisch, cholerisch und war überhaupt nicht mehr belastbar. Ein Jahr später, nach seinen 8 Jahren wurde er aus der Bundewehr entlassen. Damals war die Posttraumatische Belastungsstörung noch ein Mythos und wurde von vielen Heimkehrern verschwiegen. Auch er schwieg und versuchte neuen Fuß zu fassen in der freien Marktwirtschaft. Aber er rutschte immer mehr ab. Seine Frau hielt zu ihm, egal was er anstellte und wie schlecht es ihm ging. Ihn plagten Alpträume. Als wir uns das letzte Mal sahen, war er ein sehr schmaler, in sich zusammen gefallener Mann. Er hatte eingefallene Augen und von seiner Statur, die mal einem Athleten ähnelte, war nichts mehr da. Er lächelte, als wir uns sahen. Nachdem er erfahren hat, dass ich noch weitere vier Einsätze hinter mir hatte, kamen ihm die Tränen. „Wie hast du das ausgehalten?“, hatte er gefragt. Ich konnte ihm das nicht beantworten, denn ich glaube, dass nur mein Körper im Einsatz war, nicht mein Geist. Dass meine Beziehung an der Bundeswehr gescheitert war, hat ihn nicht überrascht, denn mein damaliger Freund, war einfach zu egoistisch um mich zu unterstützen, oder sich gar für meinen „Erfolg“ zu freuen. Am 27.11.2017 hat sich nun mein guter Freund und einer der besten Kameraden, auf den Weg gemacht, um seinen Dämonen zu entfliehen. Mir bricht es das Herz, denn niemand sollte aufgrund der politischen Entscheidungen, junge Menschen mehrmals in ein Kriegsgebiet zu schicken, sein Leben selbst aus den Händen geben. Es macht mich unendlich traurig, dass er keine psychologische Hilfe in Anspruch genommen hat, denn vielleicht hätte ihm das geholfen. Da aber vor 2010 die PTBS als lächerlich im Kreise der Soldaten abgetan wurde, werden die Fälle erst heute richtig bekannt. Für dich mein Freund bleibt mir nur eins zu sagen: „Du warst der beste Vorgesetzte, den man haben konnte. Du warst stets loyal und hast etwas von Menschenführung verstanden. Durch deine Kompetenz, bin ich heil aus allen Einsätzen nach Hause gekommen. Es tut unheimlich weh, diese Nachricht erhalten zu haben, dass du einfach nicht mehr kämpfen wolltest.“ Hand zum Gruß Herr Oberfeldwebel.
Ruhe in Frieden und mögen deine Dämonen, dich nun endlich in Ruhe lassen

PS. Er hinterlässt eine Frau und eine sechsjährige Tochter. Mein tiefes Mitgefühl der Familie.

29.11.17 06:57, kommentieren

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Wie eine Milchglasscheibe

Eigentlich möchte man so viel erledigen. Staubsaugen, Wischen, Auto säubern und unten in der neuen Wohnung helfen. Aber alles fällt so unheimlich schwer. Der Kopf fühlt sich so leer an, obwohl er durch das Denken überhaupt keine Ruhe findet. Es ist alles wie hinter einer Milchglasscheibe. Alles so weit weg. Man ist so froh, wenn man es schafft sich ordentlich anzuziehen um draußen nicht wie der letzte Hobbit rumzulaufen. Wenn man dann für zwei Wochen die helfenden Medikamente absetzten muss, um mit Antibiotikum, einer Angina zu Leibe zu rücken, dann fällt man in ein ganz tiefes Loch. Das schlimme daran ist, dass der Lebenspartner es nicht merkt und einen leider ohne Absicht zum Weinen bringt. Alles fällt unheimlich schwer. Einen Tag mussten wir wohl oder übel wegen einer neuen Küche los fahren. Zwei Stunden Beratung und das anschließende Essen auswärts forderte seinen Tribut. Wimmernd lag ich danach in meinem Bett. Konnte nicht in den Schlaf finden, weil sich alles drehte. Was ist denn nur los, reiß dich zusammen, sage ich immer wieder zu mir selbst. Aber es klappt nicht. Ich fühle mich völlig leer und ausgebrannt, obwohl ich nicht annähernd so viel erledige wie sonst. Selbst die Motivation zu meinem geliebten Radfahren, ist weg. Einfach weg. Die Tage verlaufen alle wie in einem Milchglasschleier. Ein paar meiner Freunde machen sich Sorgen, naja zu Recht nehme ich an. Ich kann mich im Moment nicht wirklich kontrollieren, deshalb verkrieche mich zu Hause. Die Traurigkeit und Niedergeschlagenheit übernimmt die Oberhand. Ohne ersichtlichen Grund ziehe ich mich wie ein Rollmops zusammen und wimmere vor mich hin. Das ist doch kein Leben. Da habe ich nur noch die Leichte Hoffnung, dass die Wiederaufnahme der Medikamente Abhilfe schafft und ich endlich wieder ein fröhlicher Mensch sein kann. Draußen scheint die Sonne und in mir herrscht nur Dunkelheit. Die Angst davor, unkontrolliert Blödsinn zu machen schwirrt immer im Kopf herum, weshalb ich mich schon mit dem Tablett ablenke und versuche Denkspiele zu spielen. Wo ist sie hin, die Unbeschwertheit, die Lebenslust, die Motivation etwas zu erreichen, worüber man sich freuen kann? Die Fragen: Was kann ich tun? Wie kann ich dir helfen? Was meinst du denn, was dir hilft? Das sind Fragen, die ich nicht beantworten kann. Normalerweise sage ich immer was ich denke und auch meine, aber im Moment würden diese Gedanken ganz viele Menschen verletzten, enttäuschen und vielleicht auch aus meinem Umfeld verbannen. Es sind Gedanken, die einfach nicht schön sind, die viele Sachen zerstören und die auch sehr viel Verwirrtheit auslösen. Kleine Unregelmäßigkeiten im Tagesablauf bringen mich so dermaßen aus der Bahn, dass ich den Weg ganz schwer zurück in die Spur finde. Ich hasse mich selbst für etwas, worauf ich keinen Einfluss habe. Ich hasse mich dafür, eine Krankheit zu haben, für die andere verantwortlich sind. Die Ursachen für eine Bipolare Störung liegen in dem Fall weit in meiner Kindheit zurück. Missbrauch, Verwahrlosung und Ignoranz von Menschen, die eigentlich dafür sorgen sollten, dass ein Kind unbeschwert aufwachsen sollte. Man stellt sich Fragen. Warum tut man einem Kind sowas an? Was kann ein kleines Geschöpf dafür, wenn Erwachsene überfordert sind? Warum schafft man sich Kinder an? Mit den Konsequenzen muss ich jetzt leben und zwar fast allein. Die Hilfe meines Mannes, wäre schon wichtig, aber bis heute hat er sich mit dem Thema nicht auseinandergesetzt und schiebt es dank der Renovierung immer weiter vor sich her. Es hilft mir nicht, dass es unter den Tisch fällt. Die Traurigkeit in meinen Augen und meinem Herzen, wird nicht wahrgenommen und auch ich selbst schiebe sie weit weg. Eigentlich bin ich nicht dafür gemacht, dass ich mich selbst belüge oder verstelle, aber anscheinend kommt man sonst mit der Diagnose nicht weiter. Ich kann wirklich nur auf die Ärzte in der LWL vertrauen, dass sie es schaffen mein Leben wieder Lebenswert zu bekommen. Ich war immer für meine Lebensfreude, Aufgeschlossenheit und auch meine lockeren Sprüche bekannt und habe so auch viele Leute zum Lächeln gebracht. Aber es ist weg, einfach weg. Es ist wirklich vergleichbar mit einer Milchglasscheibe. Man kann nur die Umrisse schemenhaft sehen, aber es wird kein klares Bild draus.

4.11.17 13:24, kommentieren