Ein nicht immer einfacher Job

In einem Sicherheitsunternehmen hat man es nicht immer leicht, schon gar nicht als Frau. Den Job mache ich dennoch eigentlich sehr gern. Mittlerweile merkt man aber ganz stark, dass um jeden Arbeitsplatz gekämpft wird. Nicht unbedingt in meiner Branche, aber in der Branche, wo wir als Sicherheitsleute eingesetzt werden. Eingesetzt in einer großen „Fleischbude“, erledige ich alleine eine Menge Aufgaben. Von Handwerker empfangen, bis Nachschubanlieferungen überwachen, bis hin zur Ersten Hilfe. Ich mache wirklich alles sehr gern, aber inzwischen sehe ich, wie mit armen Menschen umgegangen wird, die versuchen sich selbst oder gar eine Familie zu ernähren. Wir haben zwei Subunternehmer, die eine Menge Leiharbeiter an der Hand haben, welche aus den umliegenden Nachbarländern kommen. Viele Slowaken, Polen, Russen, Bulgaren, Spanier usw. Am Anfang waren es die Männer, die Ihre Grenzen austesteten mir gegenüber, aber das ist vorbei und ALLE Mitarbeiter sind freundlich und nett. Ich hab immer ein offenes Ohr, denn ich sehe mich selbst nicht als *böser* Sicherheitsmitarbeiter, im Gegenteil, die ober Führungsriege ist es, die ich verachte und mit der ich mich im Moment auch täglich anlege. Als ich dann gestern auf meiner Arbeit, eine eigentlich routinierten Anruf bekam, dass eine Mitarbeiterin zusammengebrochen ist, begann einer der schlimmsten Szenen in meinem Leben. Die Mitarbeiterin wurde in den Sanitätsraum gebracht, welcher genau neben meinem Büro liegt. Sie war nicht mehr wirklich ansprechbar und verdrehte die Augen. Nach Rücksprache mit dem Vorarbeiter begann ich sofort mit dem Bodycheck, er blieb ratlos neben mir stehen. Plötzlich brach der komplette Kreislauf in ihr zusammen und sie hörte auf zu atmen. Panik. Ich rief sofort die Notrufzentrale an und kramte mein Handy (was ja verboten ist) raus um meine Notfallapp zu starten. Nicht weil ich nicht wusste, was ich tun sollte, sondern um mir den *Stay alive Song* zu starten. Das Telefonat dauerte keine Minute und ich fing an zu reanimieren. Mein Diensttelefon klingelte ununterbrochen, doch ich ignorierte es und versuchte das vor mir liegende junge Leben zu retten. Als mich der Produktionsleiter nicht erreichte, eilte er zu meinem Büro und wusste sofort, dass ich Hilfe brauchte. Ich schickte Ihn nach unten um alle Türen für den Notarzt zu öffnen und bat den Vorarbeiter eine Nummer zu wählen und das Telefon an mein Ohr zu halten. Ich schaffte es einen Einweiser zu organisieren, der den Arzt und das Team zum mir bringen sollte. Ich pumpte weiter ohne, dass ich mein Umfeld noch großartig wahrnahm. Ich hörte die Sirenen und schöpfte Mut. Es dauerte nur wirklich 5 – 7 Minuten und das Team rannte die Treppen zu mir hoch. In dem Moment kam einer der Geschäftsführer gerade die Treppe hinunter und fragte: „Was ist los und ist es nötig, den Rettungswagen zu rufen?“ Ich drehte mich zu ihm um und fauchte ihn an, dass er sich verpissen soll. Der Notarzt hob mich hoch und schob mich zur Seite, lächelte und sagte: „Gut gemacht, ich übernehme!“ Der Geschäftsführer stand mit seinem Telefon am Ohr hinter mir und ich bekam nur beiläufig mit, dass wegen dieses Einsatzes ein Band in der Produktion stillstand und er versuchte es herunterspielen. In mir baute sich alles auf, Wut, Panik und vor allem Verachtung. Ich packte ihn und stellte ihn an die Wand. Meine Hände waren in der Lage ihm locker sein Scheiss Genick zu brechen und ich sah seine Panik anhand von Pipi in den Augen. Der Produktionsleiter stand daneben und hielt mich nicht zurück, denn dieser glatzköpfige, verfickte, holländische Geschäftsführer, war nicht sonderlich beliebt unter den Mitarbeitern. Ich ließ ihn los und sagte, er soll zu sehen, dass er Land gewinnt, sonst würde ich mich vergessen. Ich drehte mich um und schaute auf die Monitore des Notarztes. Kein Sinusrhythmus kein nichts war zu sehen. Sie schafften die junge Frau in den Rettungswagen und reanimierten weiter. Keine Chance. Die Frau verstarb. Ich saß neben dem Rettungswagen auf der Leitplanke und suchte nach meiner Fassung. Die beiden Rettungsfahrzeuge verließen das Gelände und ich ging in mein Büro. Eine Tür flog auf und der Freund, der jungen Frau stürmte in meine Richtung. „Wo meine Freundin?“ Der Vorabreiter der noch tröstend bei mir war, bremste den jungen Mann und versuchte ihm zu vermitteln, dass es zu spät war. Das ist der Punkt an dem ich meinen Job hasse. Diese herabwürdigende Haltung der Vorgesetzten ist es, die mich einfach an der Menschheit zweifeln lässt. Warum muss man Menschen für 5,50 Euro arbeiten lassen? 60 Stunden die Woche, über ein halbes Jahr und nur die Sonntage mal frei? Ist ein Mensch es nicht mehr wert, dass man ihn vernünftig und angemessen behandelt? Ich stellte auch die Rettungskette in dem Betrieb in Frage. Weiterhin versuchte ich herauszufinden wo denn unsere tragbaren Defibrillatoren waren. Es stellte sich heraus, dass wir gar keine haben und ich zweifelte noch mehr. In diesem Betrieb ist kein Mensch was wert. Es wurde sofort unbehelligt weiter gemacht und sofort Ersatz gesucht. Mir war kotzschlecht. Du kommst als junger Mensch hierher, arbeitest hart für einen Hungerlohn und lässt dein Leben in so einer Fabrik. Unvorstellbar? Genauso läuft es doch.  

4.8.17 07:01, kommentieren

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Der Hulk in vollendeter Diagnose

Seit langem hat Bruce Banner gemerkt, dass etwas nicht stimmt, denn der Hulk kommt immer nur Phasenweise zum Vorschein, und auch noch dann, wenn eigentlich alles in Ordnung zu sein scheint. Also suchte er sich professionelle Hilfe, ohne erst einmal mit seinen Lieben darüber zu sprechen, da er niemanden verunsichern wollte. Es waren zwei Termine nötig, um endlich Gewissheit zu haben, was denn da nicht stimmen kann. Heute gab es dann die Diagnose, von einem Professor, der dem jungen Menschen aber gut zuredete, während die Worte der Diagnose Ihren Weg, durch den Kopf suchten. Es drehte sich plötzlich alles und Erinnerungen wurden hervorgerufen. „Sie leiden an einer mittelgradigen bipolaren Störung“. Bääämmm. Das saß. Aufgrund des Studiums, wusste ich genau was das heißt. Natürlich hatte man selbst schon den Gedanken, aber glauben will das doch niemand. Der Professor sprach weiter, doch die Stimme war plötzlich so weit weg, dass gar nicht alles ankam. Reicht es denn nicht eine PTBS zu haben, muss es denn nun noch eine bipolare Störung sein. Die erste Frage war: Warum? Warum ich? Und danach, wie kommt man denn an so eine Störung? Für Laien ganz einfach erklärt. Die Krankheit zeigt sich durch phasenhafte, zweipolig entgegengesetzte (=bipolare) Extremschwankungen der Stimmung, des Antriebs und der Aktivität. Diese weit über das Normalniveau hinausreichenden Auslenkungen pendeln dabei abwechselnd zwischen Depression (Niedergeschlagenheit) und Manie (der Drang etwas zu tun) und sind durch die Betroffenen willentlich nicht mehr kontrollierbar. Quasi der Hulk unter den Psychischen Krankheiten. Ich meine, ich wollte schon immer mal ein Avanger sein, aber nicht unbedingt der Hulk, denn es gibt wahrlich hübschere. So die Diagnose stand nun also im Raum. Jetzt ging es darum, mit einem Psychologen darum zu feilschen, welche Therapie und Medikamente möglich sind. Dass es teilweise schon sehr hart ist damit zu arbeiten, ist dem Hulk schon eine ganze Weile aufgefallen, aber er kämpfte. Er will auch weiterhin darum kämpfen, denn ein Leben ohne Beschäftigung kommt ihm einfach nicht in die Tüte. Da grübelt man nämlich noch viel mehr. Also ging es darum, Medikamente zu finden, die dabei helfen einen geregelten Tag und eine erholsame Nacht zu finden. Jeder der Bruce kennt (vor allem sein Ehepartner), weiß was Bruce/Hulk von Medikamenten hält. Nämlich nix. Aber nun kam er nicht mehr drum herum. Eine Freundin gab damals etwas für die Nacht, dass darf auch genommen werden, gering dosiert und nicht so spät, sonst kommt man morgens nicht in den Tritt. Und für tagsüber darf es sogar etwas pflanzliches sein. Schnell waren sie auf einem gemeinsamen Nenner. Nun kam das Schwierige, das Studium und die eigentlich geplante Selbständigkeit. Für das Studium gab der Professor erst einmal grünes Licht, denn er weiß wieviel Zeit und Arbeit Bruce darin investiert hatte und bisher sind alle Prüfungen gut gelaufen. Dass eine bipolare Störung nicht von heute auf morgen kommt, weiß ein Student der Psychologie und man versucht jetzt natürlich die Ursache zu finden. Diese sind sehr weitreichend. Von Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung und Trauma ist alles dabei. Aber der Professor meint, man solle lieber nach vorne, statt zurück blicken bei dem Störungsbild. Ist leichter gesagt wie getan. Man grübelt und denkt nach, warum denn noch mehr. Ist man mit einer PTBS nicht schon genug gestraft. Fordert dies nicht schon genug von einem und seinen Lieben. Die Frage nun, wie bringt man dies seiner besseren Hälfte bei. Er hat doch schon genug mit einem durchgeknallten Hulk zu tun, muss denn jetzt noch ein zweiter dazu kommen? Eine Hand voll lieber Menschen wird diese Nachricht bekommen, denn bei denen ist sich Bruce sicher, dass sie den auftretenden Hulk nicht fallen lassen. Der Professor hat Hulk erstmal eine Frist bis Mitte September gesetzt, wo die Medikamente anschlagen und wirken können. Eine Gesprächstherapie bleibt dem Hulk selbst überlassen, denn was will man denn einem vom Fach erzählen, wenn man weiß wie man es vertuschen kann. Dass Bruce schreibt findet er gut und soll so beibehalten werden. Die extremen Radtouren sollten besser kontrolliert werden, da aber immer ein Handy dabei ist, sieht Hulk da weniger ein Problem drin. Es erklärt nur endlich, warum der Hulk selbst nach über 40 Km keine Ruhe findet. Ein kleiner Scherz der Professors: Na dann machen Sie doch beim Iron Man mit. Sehr witzig, der Mann J. Irgendwann war es eine lockere Gesprächsrunde und Bruce schilderte dem Professor eine Sorge aus seiner Vergangenheit. Der beste Freund hat sich nach dieser Diagnosestellung das Leben in einer Psychiatrischen Anstalt genommen. Leider sind Patienten mit einer bipolaren Störung stark suizidgefährdet, es kommt aber immer auf jeden einzelnen drauf an. Im Moment gehen wir einfach mal nicht vom schlimmsten aus, sondern versuchen uns zu sortieren. Eventuell den Urlaub nutzen, um mit der neuen Situation klar zu kommen und offene Gespräche mit den liebsten und den besten Freunden führen, um einfach Risiken abzuklären. Für das Umfeld eines psychisch Kranken ist es nicht immer leicht, gerade Verständnis für eine Situation aufzubringen, daran müssen jetzt alle Beteiligten arbeiten und vor allem Kommunizieren. Erstmal lassen Bruce und auch Hulk diesen Tag sacken und versuchen das Karussell im Kopf ein wenig zu bremsen.

27.7.17 18:32, kommentieren